Sich selbst befriedigen – Tabu Masturbation

Sich selbst befriedigen – Tabu Masturbation

Sex und Kommunikation

So selbstverständlich wir davon ausgehen, dass Sexualität zum Menschsein gehört, so wenig selbstverständlich ist das offene Reden darüber. Das Erforschen der eigenen Sexualität ist wesentlich, um einem Gegenüber verständlich machen zu können, was einem gefällt und was weniger. Erotik besteht nicht nur in der Möglichkeit, mit anderen Sexualität auszuleben. Darum soll nachfolgend das Thema Masturbation zur Sprache kommen.

Der Eros ist eine grosse und inspirierende Kraft. Jedes Individuum unterscheidet sich vom anderen und auch die gelebte Sexualität ist bei niemandem genau gleich. Einige Menschen verspüren oft Lust auf Sex, andere Menschen nur selten und manche bezeichnen sich als asexuell und haben keinerlei Bedürfnis, intim zu werden, zumindest nicht gemeinsam mit anderen Menschen. Wenn die Anziehung auf verschiedenen Ebenen da ist, wird sich das auch auf das Zusammenspiel der Körper positiv auswirken. Nur wenn man sich wohl fühlt und eine schöne Stimmung oder zumindest die gewünschte Spannung zustande kommt, erwacht die Lust und will sich in der einen oder anderen Form realisieren. Je genauer wir mitteilen können, auf was wir wirklich stehen und wie genau wir am liebsten wo berührt werden, desto besser kann auch à Deux Neues erforscht werden und unser Gegenüber kann lernen, was uns in Schwingung bringt.

Den eigenen Körper geniessen

Nicht nur sexuell kann der eigene Körper ein Genuss sein. Leider wird unter dem Zwang zur Selbstoptimierung heutzutage bisweilen etwas arg viel Aufmerksamkeit dem leistungsfähigen Körper geschenkt: Als schön gilt, wer durchtrainiert und jung wirkt. Studiert man auf Partnerseiten die Eigenschaften, die gewünscht und bevorzugt werden, wird oft auf solche Details hingewiesen. Ausserdem entsteht der Eindruck, dass die Welt fast nur aus Sportskerlen besteht, die Fallschirm springen, tauchen, klettern, radfahren usw. Aber für eine genussvolle Sexualität braucht es noch viele andere Eigenschaften, abgesehen von Fitness (auch wenn manche Zeitgenossen Sex mit Turnübungen verwechseln…). Wer nicht Spannung aufbauen und auch Entspannung finden kann, wird Mühe haben, ganz in die Lust zu finden. Und wer sich schämt, sich selber zu berühren, wird es schwerer haben, gemeinsam mit einem Gegenüber ins Reich der Sinne einzutauchen, denn die Scham kann jederzeit wieder aufflackern. Eine gute Basis für eine befriedigende Sexualität entsteht also, wenn wir unseren eigenen Körper gut kennen und wissen, was uns erregt und was uns überhaupt Freude macht. Meistens wird das Kopfkino seinen Teil dazu beitragen.

Abwertung der Masturbation

Über viele Jahre galt Selbstbefriedigung als etwas Verpöntes und es wurde sogar davor gewarnt, sie könne zu Gesundheitsschäden führen. Während es aus der Antike noch frivole Darstellungen mit masturbierenden Männern gibt oder mit Göttern, die riesige Erektionen präsentieren, wurde im 18. Jahrhundert die Onanie für alle möglichen Krankheiten verantwortlich gemacht: etwa für Pocken, Tuberkulose, Rückenmarkschwund oder Epilepsie.

So beschreibt Gert Hekma in einem Text über den berüchtigten Schriftsteller Marquis de Sade, im Zusammenhang mit Männlichkeit und sexueller Erniedrigung, wie der Ursprung des heterosexuellen Mannes im England der 1730er Jahre gefunden werden könne. „(…) dieser Mann bewies, kein molly (kein Homosexueller in der zeitgenössischen Terminologie) zu sein, indem er zu Huren ging.“1 Ungefähr zur selben Zeit begann europaweit der Kampf gegen die Masturbation und damit sowohl die Sexualisierung der männlichen Kultur als auch eine Appellation an die männliche Keuschheit. Das Sexuelle wurde zum Kern eines neuen Erziehungssystems. De Sade befand sich in einer arrangierten Ehe, seine Vorliebe galt der Homosexualität. Aufschlussreich sind folgende Details zu seinen Masturbationspraktiken: „De Sade hatte – in moderner Terminologie – masochistische und homosexuelle, aber auch masturbatorische Vorlieben. Angesichts der Abscheu, die sich im 18. Jahrhundert gegen die Selbststimulation entwickelte, sind de Sades Gefängnisbriefe besonders aufschlussreich. Auf Verlangen schickte ihm seine Frau speziell angefertigte Dildos, die er bei seinen solitären Vergnügungen zur analen Stimulation verwendete.“2

Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hat sich ebenfalls dem Thema Masturbation gewidmet. Er erwähnte die Libido als lebenswichtige Energie und zog genaue Beobachtungen hinzu, die verdeutlichten, dass bereits im Kindesalter das „Wonnesaugen“ an der Mutterbrust zeigt, wie Kinder entweder seelig einschlafen oder eine Erregung sichtbar wird. Für ihn besteht eine Verbindung von diesem „Ludeln“ und der Autoerotik: „Die Sexualbetätigung lehnt sich zunächst an eine der zu Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht sich erst später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, dass dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend bleibt.“3

Heute ist der Umgang mit Autoerotik zwar weniger moralisch aufgeladen, aber das Thema Selbstbefriedigung bleibt erstaunlich tabuisiert. Die Pornografie zelebriert zwischenmenschlichen Sex in Endlosschlaufen, die Berichte über Selbstbefriedigung und deren Variationen sind indessen rar und verhalten. Mit sich selber zärtlich und erotisch zu sein, kann genauso kultiviert werden, wie geteilten Sex. In ihrem Buch „Coming soon“ verdeutlicht Dania Schiftan, dass alle ihre Orgasmusmöglichkeiten erweitern können und wie die Verknüpfung von den erogenen Zonen zum mentalen Erleben hergestellt werden könnte und müsste, damit sich das Lustempfinden über die Zeit erweitert. Sie empfiehlt, auch immer wieder allein den Körper auf Lustreaktionen hin zu erforschen und nicht nur innerhalb von zwischenmenschlichen intimen Begegnungen.

Porno und Masturbation

Die üblichste Form, sich zu befriedigen, ist wohl – insbesondere beim männlichen Publikum – der Porno. Eigentlich interessant, dass bei dieser Variante durch den voyeuristischen Blick bei vielen Menschen die eigene Libido in Schwung kommt. Dies könnte als Hinweis dienen, dass es für viele Menschen schwierig ist, ohne eine solche „Anregung“ in Stimmung zu kommen. Bei der doch ziemlich verbreiteten Einfältigkeit des Wohlfühlpornos ist es erstaunlich, dass diese Anregung mehrheitlich und wiederholt zu gelingen scheint. Aber vielleicht ist das Niveau der Inszenierung ziemlich sekundär, Hauptsache ist das Betrachten des sexuellen Aktes. Der „Kulturgenuss“ scheint hierbei weniger wichtig zu sein.

Slow Sex und Masturbation

Slow Sex bedeutet kurzgefasst, dass Paare ihre Sexualität etwas mehr loslösen können von der Orgasmusfixierung und sich ganz dem Genuss und Erspüren des momentanen Lustgefühls öffnen können. Im Grunde spricht nichts dagegen, dies auch in der Autoerotik auszuprobieren. Indem man mal Neues ausprobiert und nicht auf dem immer ähnlichen Weg den Orgasmus anstrebt, können womöglich ganz neue Sensationen entdeckt werden, die unsere Palette an Möglichkeiten erweitern. Ganz gemäss der Lebensweisheit von André Gide: „Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.

Literatur:
Dania Schiftan: Coming soon. Orgasmus ist Übungssache – In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt, München 2018.

Fussnoten:
1. / 2. Link zu Marquis de Sade: https://www.studienverlag.at/bookimport/oezgArchiv/media/data0312/ozg_3_00_aufsatz3.pdf
3. Sigmund Freud: Drei Theorien zur Sexualtheorie. Sexualleben 1905.