Vibrator

Die Zeiten, in denen der Vibrator in den Katalogen der großen Versandhäuser als „Massagestab“ bezeichnet wurde, welcher angeblich zur Lockerung verspannter Muskeln diente, sind lange vorbei. Mittlerweile gehört der zitternde Freund in den Haushalt fast jeder aufgeklärten Frau und erfreut sich enormer Beliebtheit in allen Formen, Farben und Größen. Weit über hundert Jahre ist der Vibrator jetzt alt. Kein Wunder, dass sich einige kuriose Geschichten um den Freudenstab ranken.

„Hysterie“ nannte sich eine der bekanntesten weiblichen Krankheiten Mitte des 19. Jahrhunderts. Auslöser dieses Leidens sollte eine Nichtbeanspruchung des Uterus sein, von dessen Eigenleben schon Plato überzeugt war. Behandelt wurden die betroffenen Frauen von regulären Ärzten. In ihrer Praxis stimulierten sie die Patientinnen mit der Hand und brachten sie so zum Orgasmus – oftmals eine schweißtreibende Angelegenheit. Die Tatsache, dass sie damit eine sexuelle Handlung begingen, war den wenigsten von ihnen bewusst, da die Klitoris zur damaligen Zeit nicht zu den Geschlechtsteilen gezählt wurde. Der Orgasmus selbst wurde als eine Art kurzzeitiges, von Krämpfen und Flüssigkeitsabsonderung begleitetes Fieber angesehen, das offenbar dazu führte, dass die „Hysterie“ für eine Weile zurückgedrängt wurde. Da die Krankheit jedoch als unheilbar galt, war es nötig, dass die Patientinnen regelmäßig zum Arzt ihres Vertrauens zurückkehrten, um sich Linderung zu verschaffen.

Die Popularität der Behandlung brachte bald logistische Probleme mit sich, so dass sich viele Ärzte nicht mehr in der Lage sahen, alle Frauen zu versorgen.
Daher wurde ein medizinisches Gerät erfunden, das die „Abfertigung“ vieler „Patientinnen“ in kürzester Zeit möglich machte: der Vibrator. Dieser machte die Behandlungen, für die man vorher eine Stunde einkalkulieren musste, im Zehnminutentakt möglich. Das erste Exemplar, der so genannte „Manipulator“, wurde bereits 1869 von George Taylor erfunden und nahm viel Platz in Anspruch. Er wurde mit Dampf betrieben und sein Ofen musste im angrenzenden Zimmer ständig mit Brennholz gefüttert werden. Zwei Personen waren nötig, um die Erfindung zu betreiben. 1883 erfand Joseph Mortimer Granville einen elektromechanischen Vibrator, den „Percuteur“. Eigentlich war dieser für die Massage von Männern entwickelt worden, aber aufgrund seiner verhältnismäßig geringen Abmessungen und der einfachen Bedienung wurde er dann für die Behandlung der von „Hysterie“ geplagten Patientinnen eingesetzt.

Später wurde der Vibrator als Haushaltsgerät vermarktet. Es gab ihn schon, bevor man strombetriebene Bügeleisen kaufen konnte. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts fand man Anzeigen, die den Freudenspender bewarben, in Versandhauskatalogen und Handarbeitsmagazinen – allerdings unter der Bezeichnung „Massagestab“, welcher gegen Muskelverspannungen zum Einsatz kommen sollte und längst noch keine phallische Form besaß. Die Benutzung des Vibrators in kurzen Erotikstreifen – den so genannten „Stag Movies“ – sorgte schließlich für seine Verbannung aus den Katalogen. Trotz eines Verbots von Sexspielzeug in manchen Staaten der USA hat sich der Vibrator jedoch spätestens in den letzten dreißig Jahren zum beliebtesten Erotiktoy der Welt gemausert. Hysterische Frauen gibt es allerdings noch immer.

Heute ist der Vibrator in allen Größen, Farben und Formen erhältlich. Immer öfter rücken die Hersteller dabei von der klassischen Penis-Anmutung ab und setzen auf bunte Farben, spielerische oder sogar tierische Formen (lange Jahre war der „Delphin“ der Firma FunFactory angeblich der Top-Seller in Deutschland), bis hin zu Auflegevibratoren.