Sexualität - was ist das eigentlich?

Sexualität – was ist das eigentlich?

Zwar hört und liest man viel über Sex, aber was das eigentlich genau ist, wird wenig hinterfragt. Darum wollen wir dieser Frage mal Raum geben.

Sexualität und Triebe

Zwar ist es so, dass Lust physisch spürbar ist, aber auch die Psyche ist prägend für unser Sexualleben. Sigmund Freud ging der Frage nach, wie das Triebleben der Menschen unser Verhalten prägt. Der Trieb kann als Scharnier zwischen Psyche und Körper vorgestellt werden. Der Mensch kann seine Triebe nicht bewusst steuern, das heisst, wir werden immer getrieben sein. Freud unterschied zwischen Sexualtrieb, Lebenstrieb und in seinen späteren Schriften auch noch dem Todestrieb. Diese verschiedenen Triebe können sich auch widerstreben. Wenn etwa jemand nicht auf die eigene Gesundheit achtet beim Sex, dann vermischt sich Sexualtrieb und Todestrieb, der Lebenstrieb würde zu mehr Vorsicht mahnen. Die verschlungenen Wege, die Triebe nehmen können, führen zu unzähligen Möglichkeiten und verschiedenen sexuellen Vorlieben.

Triebenergie und deren Umsetzung

Eine grobe Unterscheidung kann zwischen sexuellen Phantasien und gelebter Sexualität gemacht werden. Während sexuelle Phantasien aufflackern können und vielleicht auch in einem schönen Gespräch in Form von Inspiration auftauchen mögen, ist der sexuelle Ausdruck in Form einer physischen Betätigung nochmals etwas anderes (wobei natürlich auch hier Phantasien im Spiel sein können): hier geht es meist um Erregung, Spannung und Spannungsabbau. Unter Sublimation versteht man die Modifikation von Triebenergie in künstlerisch-schöpferische, intellektuelle Tätigkeiten. Natürlich liegt dieser Idee eine Wertung inne, nämlich, dass solche Tätigkeiten höher stehend sind, als das direkte Ausleben der Triebenergie.

Sexualität und Kultur

Der französische Philosoph Michel Foucault hat sich mit den gesellschaftlichen Bestrafungsmechanismen und mit den Normen in Bezug auf Sexualität ausführlich beschäftigt. Letztes Jahr erschien posthum der vierte Band „Sexualität und Wahrheit 4“ – wer sich vertieft mit der Problematisierung des Verhältnisses von Freiheit und Natur, von Vernunft und Begehren beschäftigen möchte, ist bei Foucault an der richtigen Adresse. Kurz gefasst lässt sich sagen, dass sich die Bedeutung der Sexualität historisch verändert und dass es eine lange Tradition gibt, anhand einer Kontrolle der Sexualität Macht auszuüben. Was als richtig oder falsch, erlaubt oder unerlaubt gilt, ist nicht absolut, sondern kann sich immer wieder verändern.

Der Mensch, kein Affe

Wären wir Affen, etwa Bonobos, wäre es einfacher, menschliche Sexualität zu beschreiben. Denn Bonobos haben viel und kreuz und quer Sex, egal ob Mutter mit Sohn, Geschwister unter sich, auch unter Geschlechtsgenossen gibts kein Halten. Versöhnungssex ist ebenso angesagt und wer weiss, vielleicht ist die Strategie der gelebten Lust ein Grund, warum diese Affenart als besonders friedlich gilt. Bei Menschen gehts nicht ganz so unkompliziert zu und her. Menschen machen eine Entwicklung durch, die im Kleinkindalter beginnt und im Grunde genommen nie abgeschlossen sein muss. Nur Tiere leben rein koitale Sexualität, der Mensch ist polymorph sexuell: erst erlebt er Lust mit dem Mund, dann ist der Anus interessant, später Körperöffnungen generell, schliesslich bildet sich die Differenzierung der verschiedenen Erregungszonen heraus. Als pervers kann man Menschen bezeichnen, die eine sexuelle Fixierung haben, indem etwa nur Erregung zustande kommt, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind, sei das ein grosser Busen oder irgend welche Rituale, die nicht fehlen dürfen.

Sexualität ist ein komplexes Feld. Die Beschäftigung mit der Frage, was menschliche Sexualität ausmacht, ist spannend und vielseitig und in dieser Kürze nicht abschliessend zu beantworten. Man kommt nicht umhin, sich mit Geschichte, Soziologie, Biologie und Sexualwissenschaft zu beschäftigen, um nur einige Wissenschaften zu nennen. Der eigenen Sexualität auf die Spur zu kommen, ist hierbei vermutlich das grösste Wagnis und Abenteuer!

Literatur:
Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit – Vierter Band: Die Geständnisse des Fleisches, Frankfurt a. M. 2019.
Sigmund Freud: Triebe und Triebschicksale, 1915.