Strafe muss sein?! SM-Basiswissen vom Profi.

Strafe muss sein?! SM-Basiswissen vom Profi.

Seit dem Bestseller „Shades of Grey“ sind leichte SM-Spiele heute auch in den Schlafzimmer derer angekommen, die bei solchen Themen noch vor drei Jahren die Nase rümpften. Doch zwischen Roman und Wirklichkeit liegen manchmal Welten.

Unser Exkurs in eine bizarre Welt beginnt mit einer Definition:

Was man früher Sadomasochismus nannte, ist heute zum internationalen Begriff BDSM geworden: Der Wort setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism zusammen, und es umschreibt eine sehr vielgestaltige Gruppe von meist sexuellen Verhaltensweisen, die unter anderem mit Dominanz und Unterwerfung, spielerischer Bestrafung sowie Lustschmerz oder Fesselungsspielen in Zusammenhang stehen können.

Matthias Grimme – Chef des bekanntesten BDSM-Magazins „Schlagzeilen“ – gibt uns im Folgenden einen kleinen Einblick über sein Fachgebiet:

Plusherz: Wie stellt man fest, dass Schmerzen lustvoll sein können?

Matthias Grimme: Im Allgemeinen fängt es mit einer niedrigschwelligen Handlung an. Nicht direkt mit Schmerzen. Die tun erst mal nur weh. Aber beim Sex seinem Partner auf den Arsch zu hauen, kommt eben nicht als Schmerz an, sondern als zusätzliche Stimulanz. Das kann man vorsichtig ausprobieren. Wenn dann der Partner lustvoll mit dem Arsch wackelt und mehr will, dann kann man das einbauen. Und wenn man feststellt, dass der andere Gefallen an diesen Dingen findet, sollte man sich damit auseinander setzen, darüber sprechen und schauen, wie es sich entwickelt. Bei einem selber genauso. Wie reagiere ich beispielsweise, wenn ich einen Klaps auf den Arsch kriege, macht mich das an oder törnt es ab?! Solche Dinge sind meist die Anfänge, genau wie die Lust auf Fesselspiele oft einfach damit anfängt, dass man seinem Partner befiehlt ganz still und unbeweglich da zu liegen oder ihm oder ihr die Arme beim Sex festhält. Bondage würde ich das noch nicht nennen, das sind ja keine SM-Leute. Die sehen das als normalen Sex an, während dann die Fesslung der Handgelenke dann schon eine klassische BDSM-Praktik ist, auch wenn sie ebenfalls oft einfach so praktiziert wird, ohne, dass der Begriff SM überhaupt genutzt wird.

Weiter geht’s dann gerne mit Rollenspielen, bzw. klar definierter Rollenverteilung. Einer ist der Befehlende, der beispielsweise sagt: „Heute fick ich nicht dich, sondern nur dein Loch“.

Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass es normale Frauen gibt, die auf Fesselspiele abfahren, aber dann danach nichts mehr davon wissen wollen, weil es nicht zur eigenen Selbsteinschätzung passt. Da macht eine mal aus Liebe zu mir mit, genießt es total und wird wahnsinnig heiß dabei und ist nach dem Sex erschrocken davon, weil sie diese Seite von sich nicht sehen will. Meine jetzige Frau ist da anders. Sie sagte sofort: „Wenn du wirklich mit mir Spaß haben willst, musst du mich hauen“, dabei hat man ja gelernt, dass man Frauen nicht schlägt. Aber sie wollte es und es hat ihr Spaß gemacht.

 

Woher kommt diese Neigung für BDSM?

Man kann es nicht psychologisch festmachen. Wie bei anderen sexuellen Vorlieben und Sonderformen gibt es nur Vermutungen. Es gibt eine große vergleichende Untersuchung zwischen SM-Anhängern und normalen Leuten, doch das einzige, was die SM-ler von anderen unterscheidet – aber nicht signifikant – ist, dass sie mehr Einfühlungsvermögen besitzen. Es gibt aber natürlich auch die Leute, die sagen, dass sie nie Grenzen als Kind gespürt haben, und deswegen jetzt den Reiz durch starke Grenzen erfahren, wie beim Fesseln oder als untergeordnete Partner. Oder wie die Vorzeigemasochistin und Autorin Sina-Aline Geisler, die als Kind nie geschlagen wurde und Sehnsucht hat, geschlagen zu werden. Oder umgekehrt gibt es jene, die immer geschlagen wurden und jetzt selbst die Schläge bestimmen, nur eben nicht als Opfer. Aber das sind alles rückwirkende Interpretationen und bloße Vermutungen. Aus der Gothic-Szene kommen beispielsweise auch immer mal wieder Borderliner (Menschen, die sich selbst Schmerzen durch beispielsweise Schnitte zufügen – Anm.d.Red.), die sich selbst durch Schmerzen wieder richtig spüren wollen. Die finden in der BDSM-Szene natürlich eine Akzeptanz, weil sie sich dort ausleben können.

Bei mir selbst waren alte Bilder von Heiligen, die gefoltert wurden, die ich als Kind sah. Das fand ich ziemlich aufregend, aber warum weiß ich bis heute nicht.

Wichtig ist einfach, dass die Leute aufgeklärt werden, denn Vieles, was man beispielsweise im Internet findet, ist Unfug. Da denken manche, dass man als Sklave sogar sein Gehalt bei seinem Meister abgeben muss. Ich verweise da gerne auf meine Handbücher, die sind seit Jahren anerkannt.

 

BDSM scheint immer mehr Akzeptanz zu finden, gerade auch durch dessen spezielle Ästhetik, die von vielen Stars genutzt wird, von Marilyn Manson bis Lady Gaga…

Richtig, das Thema wirkt nicht mehr so verrucht. Das größte deutsche SM-Portal, die Sklavenzentrale, hat mittlerweile ja sogar schon 120.000 Profile. Aber der freie Bereich ist voll von normalen Leuten, die wenig Ahnung haben. Wenn da mal einer fragt, wie man am besten seine Frau an den Brüsten aufhängt, schreiben zwanzig „das ist ja voll pervers“. Das Interesse der Menschen ist da, viele finden das schick und kinky, mögen die Klamotten, aber sind keine echten SM-ler.

SMJG.org ist beispielsweise eine Vereinigung für junge SM-ler, die im geschützten Rahmen ihr Interesse besprechen und auch ausleben können und darauf achten, dass nicht irgendwelche älteren Typen dazu stoßen. Viele haben so die Möglichkeit zu checken, ob sie nur auf die Klamotten stehen aber die Praktiken nichts für sie sind, oder eben doch Interesse besteht, mal Bondage oder Rollenspiele auszuprobieren. Wir sind ja selbst immer auch auf Festivals – wie dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, dem Mera Luna in Hildesheim oder auf dem Wacken Open Air – mit unserem Stand vertreten und erleben da auch immer mehr Interesse. Ich war auf dem Wacken mit meinen drei Frauen dort und hatte selber viel Spaß!

 

Was kommt nach dem leichten Po-Klaps und dem Fesseln mit dem Schal, wenn man Interesse hat, sich auf das Thema BDSM einzulassen?

Der nächste Schritt kommt immer auf die Person an. Bei RTL II gab es kürzlich eine Reportage über Fetisch, wo ich auch vorgestellt wurde und einer jungen Frau die erotische Fantasie ermöglichte, mal eingeschnürt an die Decke gehangen zu werden. Danach haben sich direkt mehrere Frauen bei mir gemeldet, die das auch wollten.

 

Hat man als SM-Anhänger auch ganz normalen Blümchensex?

Ja klar…logisch. Ich sehne mich auch ganz häufig nach einem Abend mit gemütlichem Kuscheln, mit Videoschauen und Rumfummeln. Es muss nicht immer das ganze Programm sein.

 

Gibt es einen Unterschied zwischen den SM-Praktiken, die es in normalen Pornos gibt und denen, die von echten SM-Anhängern betrieben werden?

Ich kann nicht sagen, dass es den riesigen Unterschied gibt. Ich finde SM-Filme genauso langweilig, wie normale Pornos, weil alles so klischeehaft ist. Ich kenne keine guten speziellen Bondage- oder SM-Filme, im besten Fall ist es „ganz nett“. Ich habe mich kürzlich mit Alex D. unterhalten (bekannter Fetisch-Regisseur – Anm.d.Red.), bei dem find ich das erste Drittel immer gut, wenn es um das Spielerische geht, dann wird’s meist langweilig, weil nur noch gebumst wird…