Eine Sexpause kann Wunder wirken.

Lust bewusst: Urlaub vom Sex als Therapie!

Verzicht auf Sex? Das klingt nach Krankheit, nach Zwang, nach Hochleistungssport oder Sekte. Trotzdem entscheiden sich immer öfter Singles oder Paare für eine Pause im Bett. Und fühlen sich danach umso besser…

Sex ist Lifestyle. Wer keinen hat, hat kein Leben. Suggerieren jedenfalls Werbung, Hollywood und der Nachmittags-Talk. Und wir schenken dem Glauben. Denken wir an Askese, denken wir an dürre Einsiedler oder dicke Mönche. Und fühlen uns in unserem vollziehendem Handeln dadurch bestätigt, dass selbst Hochleistungssportler wie Ronaldo während der WM immerhin noch Passiv-Sex betreiben.

Heute darf man Lust immer haben, man wird geradezu aufgefordert, seinen Trieben hemmungslos nachzugehen. Ob Sex im Park oder im Swinger-Club, normal ist, was gefällt. Unnormal ist, sich über Nacktheit auf Plakatwänden oder im Fernsehen aufzuregen. Und mit absolutem Missverständnis kann heute der rechnen, der sich der Lust auf Lust wiedersetzt.

Immer mehr Menschen jedoch fühlen sich durch die permanente Konfrontation mit dem ritualisierten Sex unter Druck gesetzt. Nicht nur der Körper muss angeblich attraktiv und ewig jung sein, auch der Beischlaf soll regelmäßig zu einem erotischen Feuerwerk werden.

Doch gerade die tägliche Konfrontation mit Sex und das scheinbar immer verfügbare Angebot führen bei vielen Menschen zu einem Rückzug. Einige erinnern sich an Zeiten, als Nacktheit und Sex irgendwie geheimnisvoller waren. Als sogar der Kauf eines Playboys noch mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert wurde. Die Spannung war unerträglich, die Lust baute sich auf, bis sie irgendwann ein Ventil fand.

Heute ist das Ventil jederzeit verfügbar. Doch die Zunahme von Patienten mit sexuellen Störungen beweist, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, es zu nutzen. Sie haben ihren Appetit verloren, weil sie rund um die Uhr mit Nahrung konfrontiert werden. Sie leiden darunter, dass sie kaum mehr Lust auf Sex empfinden, denn das passt nicht zum modernen Bild des Menschen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde nach Karneval gefastet, um den Körper zu reinigen und Nahrung neu genießen zu können und heute scheint sich das Heilfasten zu einem regelrechten Trend zu entwickeln. Das Überangebot an Nahrung erfordert augenscheinlich bei vielen eine radikale Abstinenz, um sich dem Essen danach wieder bewusst zu werden. Auch eine Umstellung der Ernährung erfolgt häufig nach einer Fastenkur.

Was früher die Völlerei war, ist heute der Geschlechtsverkehr. Ähnliche Ziele verfolgen jedenfalls die, die sich Wochen oder Monate dem Sex verweigern. Die Lust soll nach dieser „Fastenkur“ zurückgekehrt sein, der Sex bewusst erlebt werden.

Ob dieser Verzicht allerdings wirklich notwendig ist, muss jeder selbst entscheiden. Denn die Freiheit Geduld zu üben und Maß zu halten kann auch anders erreicht werden. Jean-Claude Guillebaud („Die Tyrannei der Lust“) erklärt es so: „Begehre, wen du willst, aber vergewissere dich immer, dass die Entscheidung deine eigene ist. Wirklich frei sind wir erst, wenn wir unser Leben und unsere Sexualität nicht von Zeiterscheinungen diktieren lassen.“ Und damit dürfte sich dann auch eine Unlust auf Sex erledigt haben.