Wie liebesfähig sind wir eigentlich?

Wie liebesfähig sind wir eigentlich?

Morgen ist Valentinstag – wir haben bereits über die Hintergründe berichtet. Aber wie steht es eigentlich um die Liebesfähigkeit im Zeitalter der unbegrenzten Freiheiten?

Gerade zwei Bücher nehmen nicht allzu positiv Stellung zu dieser Frage. Der Autor und Journalist Sven Hillenkamp beschreibt in seinem Buch „Das Ende der Liebe“ (2012), dass Beziehungen heutzutage oft schon aufhören, bevor sie überhaupt anfangen. Mit unzähligen Argumenten verdeutlicht der Autor, dass wir Menschen uns auf Partnersuche im digitalen Zeitalter im Grunde in den unzähligen Datingmöglichkeiten verlieren. Immer gäbe es noch eine andere und vielleicht bessere Möglichkeit. Die ganze Welt wird zur unendlichen Dating App, egal ob man in ein reales Café geht oder ob man surft, wir leben das Prinzip der Suche nach immer neuen Optionen. Und wenn’s heute im Café niemanden gab, gibts vielleicht morgen jemanden. Vielleicht biegt gleich der ideale Mustermensch um die Ecke…

Die Soziologin Eva Illouz beschreibt das Phänomen noch etwas differenzierter und unter dem Aspekt der Konsumkultur. In ihrem neusten Buch „Warum Liebe endet“ (2019), schreibt sie über die weit verbreitete Lieblosigkeit und erwähnt auch Gelegenheitssex als Strategie, wie sich die Protagonisten eingeschlafener Intimbeziehungen Auswege aus einer unbefriedigenden Situation suchen. Unter so genannt „negativen Beziehungen“ müssen wir uns Illouz zufolge solche vorstellen, die für die persönliche Gesamtbalance zustande kommen und sich jederzeit schnell auflösen können – im Grunde also gar nicht erst richtig eingegangen werden. Es sind Beziehungen, die halbherzig insbesondere für Sex einen Stellenwert haben. Was äusserlich als eine elegante Lösung daher kommt, damit niemand ein Manko an Sex erleiden muss, kann doch viel Leid verursachen. Denn womöglich passt der Deal nicht allen Beteiligten in dieser Unverbindlichkeit in den Kram.

So bleibt die Frage, welches Rezept denn funktioniert, für glücklich gelingende Liebesbeziehungen. Vermutlich müssen das alle Menschen für sich beantworten. Was aber klar ist: die Bedürfnisse nach Nähe, Zugehörigkeit, Sinnlichkeit, Freundschaft und Erotik sind auch im 21. Jahrhundert nicht verschwunden und anstatt immer zu überlegen, ob es nicht noch etwas Besseres gäbe, als das, was da ist, wäre es vielleicht ratsam, die Liebe zu pflegen, die bereits eine Geschichte hat, sofern sie noch lebendig und transformationsfähig ist. Und wenn eine neue Liebe entsteht, darf ruhig erinnert werden, dass kein Mensch und keine Beziehung perfekt ist, sondern dass gerade die Marotten und Kanten den Charme von Menschen ausmacht.

In diesem Sinne nochmals: Happy Valentines Day!