Kamasutra

Im Gegensatz zur christlichen Lehre besaßen Erotik und Sexualität in Altindien einen hohen Stellenwert. Im Kamasutra beschreibt der Hindu-Lehrmeister Vatsyayana Mallanaga detailfreudig, wie der Liebesgenuss gesteigert werden kann.

Jeder hat schon einmal von dem Lehrbuch der Liebe, dem indischen Kamasutra, gehört. Viele haben wahrscheinlich antike Abbildungen von indischen Paaren vor Augen, die sich in allen möglichen und unmöglichen Positionen die Gummi-Gliedmaßen verrenken und dadurch angeblich zu einem erfüllten Sexleben gelangen. Doch hält das Kamasutra, was sein legendärer Status glauben macht?

Der Verfasser Vatsyayana Mallanaga beschreibt in dem vermutlich zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Buch detailliert, was die verfeinerte Kunst der Liebe ausmacht. Dem indischen Drank zum Rubrifizieren und Klassifizieren entsprechend, hat Mallanaga auch die gewagtesten Varianten der körperlichen Liebe minutiös, eindeutig und fantasiereich zu Papier gebracht.

Was viele nicht wissen: Das Kamasutra ist weit mehr als eine Darstellung verschiedener Liebestechniken. Viele der heutigen Neuauflagen sparen sich lästige Einleitungen und Hintergrundinformationen und kommen direkt zur Sache, also zu den Sex-Stellungen. Sie versprechen Paaren ungekannte Sinneslust und aus den ursprünglich 64 überlieferten Stellungen werden dann – weil es so schön ist – auch schon mal 69. Boulevardzeitungen und Frauenmagazine glauben sogar bis zu 100 Kamasutra-Stellungen zu kennen und setzen jene damit unter Druck, die nur drei – von oben, von unten, von hinten – praktizieren.

Dabei ist die Lektüre des ursprünglichen Werks ein lehrreicher und amüsanter Zeitvertreib. Schließlich zeigt Mallanaga nicht nur auf, wie man im Bett zu Werke geht, sondern auch, wie man es bis dorthin schafft. So findet man in dem Kapitel „Von der Brautwerbung bis zur Hochzeit“ folgenden, gerissenen Ratschlag für Männer, um sich eine gewünschte Braut zu sichern: „Ein vom Brautwerber beauftragter und bestochener ‚Wahrsager‘ preise die ihm aus dem Vogelflug, Vorzeichen, Planetenkonstellation und Statur des Liebhabers erkennbaren Vorzüge und prophezeie, dass ebendieser Liebhaber Reichtum erwerben und mit seiner Frau in großem Wohlstand leben werde.“

Die Stellungen beim Liebesspiel hingegen machen eigentlich nur eins von sieben Kapiteln aus, das „Auf den Geschlechtsverkehr Bezügliches“ heißt. Darin findet man Instruktionen zu Themen wie „Wie man sich küsst“, „Arten von Bissspuren“ oder „Vom Schlagen und vom Gebrauch wollüstiger Laute“. Viele sehen das Kamasutra als die erste Aufzeichnung zum Thema BDSM. Doch auch die anderen sechs Kapitel enthalten viel Unterhaltsames, zum Beispiel der Teil „Wenn Herrscher verliebt sind“. Hier wird anschaulich beschrieben, mit welchen Tricks sich hohe Tiere das Objekt ihrer Begierde ins Bett locken. Von Firmenchefs bis US-Präsidenten empfohlen!

Sogar der Prostitution ist ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem nicht nur die Hure („Hetäre“) von heute etwas über kreative Buchhaltung lernen kann: „Betrachtung über Gewinn und Verlust“, „Wie die Hektäre einen lästig gewordenen Liebhaber vergrault“ oder „Wie eine Hektäre zu Geld kommt“. Letzterer Teil erklärt: „Eine kluge Hektäre hat Möglichkeiten von fast unendlicher Vielfalt, um ihren Verehrer um mehr oder weniger große Geldsummen zu erleichtern. Sie erzähle ihrem Freund, dass sie für die Besorgung von Schmuck, Nahrungs- und Genussmitteln, Getränken, Kleidern, Parfums und anderen Artikeln den Händlern viel Geld habe bezahlen müssen; er aber sei ja wegen seines Reichtums überall berühmt! Ihr ganzer Schmuck sei durch Diebe gestohlen worden. Ihr ganzer Schmuck sei durch Diebe gestohlen worden. Sie haben zu religiösen Zwecken Tempel errichten lassen. Überhaupt habe sie um seinetwillen Schulden gemacht. Dafür habe sie sich selbst mit er der Mutter überworfen.“

Das letzte Kapitel – „Geheimmittel“ – schließlich richtet sich an Menschen, denen die ersten sechs keinen Erfolg gebracht haben. Dort wird uns der Gebrauch von Sexspielzeug aller Art oder die Verabreichung von Aphrodisiaka nahe gelegt. Wen auch das nicht anspricht, dem sei der Absatz „Wie man seinen Penis vergrößert“ ans Herz gelegt.