Völlig befreit oder völlig veraltet?

FKK – Kultur oder Anachronismus?

Für viele  Menschen ist die Freikörperkultur allenfalls ein Überbleibsel der Hippie-Ära und passt so gar nicht in die konsumfreudige und darstellerische Gegenwart. Allerhöchstens die nahtlose Bräune scheint auch heute noch durchaus erstrebenswert. FKK-Vereine überaltern, die Intention der Bewegung wird heute nicht mehr verstanden, so dass die Nackten sogar amüsant wirken. Das Dilemma in Zahlen: mit nur noch rund 60.000 Mitgliedern, statt 150.000 Anfang der Neunziger, steht der Deutsche Verein für Freikörperkultur alles andere als gut da.

 100 Jahr FKK

Dabei war die nackte Unbeschwertheit schon im Kaiserreich um 1900 ausgesprochen beliebt. Nudisten sahen es als selbstverständlich an, dass der Mensch, wie vor der Vertreibung aus dem Paradies, natürlich mit Nacktheit umgeht und Luft, Sonne und Wasser genießt. Die ersten Nackedeis fühlten sich als Mitglied einer Gegenbewegung zur „verhüllten Gesellschaft“ des Kaiserreichs und seiner Spießigkeit. Der Unterschied zu normalen Nacktbadenden: nicht die nahtlose Bräune zählt, sondern eine generelle Mäßigung der Lebensweise. Die eigene Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen sollte positiven Einfluss auf die Allgemeinheit haben.

Die Reaktionen der Öffentlichkeit ließen damals noch nicht erkennen, dass die Freikörperkultur irgendwann zu einer Massenbewegung werden sollte. Zu Kaisers Zeiten verstießen die Nudisten gegen Tabus und Moralvorstellungen.

Moral und Gesetze
Nackte haben es nicht leicht

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrtausends dagegen, erlebte die Nudisten-Bewegung eine erste Hochphase. Zu Beginn der Weimarer Republik entstanden zahlreiche Vereine, die sich jedoch teilweise drastisch in ihrer Ideologie unterschieden. So waren linke Hippie-Vorfahren genauso unter den Nackten vertreten, wie völkisch-nationale Leibesertüchtigungsgruppen. Bis zu 100.000 Anhänger organisierten sich in den verschiedenen Vereinen und wirkten am Aufbau spezieller Touristenziele für Nudisten mit.

Erst mit der Machtübernahme der Nazis erlebte die FKK-Bewegung einen Rückschlag. Alle Vereine werden nominell verboten, ihre Mitglieder finden sich nach Ausschluss von ‚Nicht-Ariern’ und politischen Gegnern unter dem geduldetem Titel: „Kampfring für völkische Freikörperkultur“, später „Bund für Leibeszucht“ zusammen.

Nach dem Verbot des Bundes 1945 werden einzelne Vereine von den Alliierten wieder zugelassen, finden jedoch kaum Akzeptanz in der Bevölkerung. Erst mit einem geänderten Umgang mit Nacktheit in Öffentlichkeit und Medien wird FKK in den sechziger Jahren plötzlich zu einer unorganisierten Massenbewegung. In der BRD und speziell in der DDR nutzen Menschen nicht nur ausgewiesene Nacktbadestellen, sondern sind an vielen Stellen zu sehen. FKK entwickelt sich zur Selbstverständlichkeit und wird auch von Nicht-Anhängern toleriert.

Nachwuchsmangel durch neue Scham?

Nackte Menschen am Strand sind auch heute noch nicht außergewöhnlich, warum die Freikörperkultur als Bewegung allerdings immer weniger Zuspruch erhält, kann nur vermutet werden.

Eine Erklärung mag die gegenwärtige mediale Darstellung der Nacktheit sein, die makellose Körper zum Standart erhebt aber keine Ausbrüche aus der Norm zulässt. Menschen, die nicht dem Ideal entsprechen, werden dadurch noch eher in der Verhüllung ihres Körpers bestärkt. Öffentliche Nacktheit kann schließlich nur mit der Akzeptanz des eigenen Aussehens funktionieren.

Eine andere Erklärung mag die Einstellung von Firmen und Werbeagenturen sein: Subkulturen, die sich dem Konsum verweigern und abseits des Mainstreams leben, sind schlecht fürs Geschäft. Denn nur wenn alle Menschen gleiche Vorlieben und Einstellung haben, taugen sie als berechenbare Zielgruppe. Nudisten versuchten sich dem schon vor über hundert Jahren zu entziehen. Sie haben früh erkannt, dass Kleidung höchstens äußerlich Individualität vortäuscht.