Vom Porno zu Post Porn

Vom Porno zu Post Porn

Die heranwachsende Generation wird auch als Generation Porno bezeichnet. Aber passt diese Bezeichnung überhaupt? Hierfür müssen wir darüber nachdenken, was denn Pornografie ist und wie sie sich über die Zeit verändert.

Der Begriff des Pornografischen findet seine etymologische Wurzel im Griechischen: porné bedeutet Hure und graphein bedeutet schreiben, zu Deutsch also: über Huren schreiben. Damals stand Pornografie nicht wie heute im Dienst der Stimulation, sondern war kultisch geprägt, etwa durch den Dionysos Kult. Später zwischen 1500 und 1800 wurde Pornografie genutzt, um durch den Schock, den Sex auslöste, religiöse und politische Autoritäten zu kritisieren.

Was wir heute in Museen als Kunst ausstellen, galt zeitgenössisch nicht selten als anstössig und pornografisch.

Juristische Sachlage

Einfache Pornografie ist hierzulande nicht verboten, wohl aber die so genannte harte Pornografie und das Verbreiten von Pornografie an Kinder und Jugendliche. Harte Pornografie umfasst folgende Bereiche: Gewaltpornografie, Pornografie mit Tieren/Zoophilie, Kinderpornografie/Jugendpornografie.

Generation Porno?

Viele Jugendliche kommen mit Pornos in Berührung. Das heisst, dass die heranwachsende Generation durchaus geprägt ist von pornografischen Darstellungen, was sich zweifelsohne auf das Selbst- und Fremdbild der jungen Frauen und auch Männer auswirkt. Von der Generation Porno zu sprechen, scheint aber unangemessen, da laut einer Studie der Bauer Media Group nur 1% der Mädchen und 8% der Jungen angeben, regelmässig Pornos zu konsumieren. Als Motivation wird am häufigsten angegeben, dass die sexuelle Stimulation im Vordergrund steht. Bereits in diesem Alter zeichnet sich ein grosser geschlechtsspezifischer Unterschied ab: Mädchen finden Pornos tendenziell eklig, während Jungen Pornos als normalen Bestandteil des Medienkonsums empfinden. Was Jungen als tolerierbar einschätzen, verläuft nah an der Grenze zu harter Pornografie. Generell ist es so, dass die heranwachsende Generation nicht sexualisierter zu sein scheint wie frühere, das zeigen Statistiken, die belegen, dass der erste Sex sogar etwas später stattfindet, als noch vor wenigen Jahren, dass es seltener zu ungewollten Schwangerschaften kommt und dass beim ersten Sex öfters verhütet wird.

Was ist überhaupt Pornografie?

Den Begriff Porno kann man fast nicht weit genug fassen: denn Pornos sind eigentlich oberflächliche Stimulanzien ohne tatsächliche Beziehungen und Kontakte abzubilden. Es ist eine Darstellung von Sex, die für die Kamera und ein Publikum produziert wird. Wobei mittlerweile viele Private den Sex ins Netz hochladen, sodass der öffentlich zugängliche Porno heutzutage von einer breiten Masse mitproduziert wird. Durch Idealbilder, wie haarlos und sportlich Körper aussehen sollten und wie unaufhörliche stundenlange Orgasmen produziert werden sollten, wird viel Druck erzeugt. Solche Oberflächlichkeiten ohne Bezug und Tiefe finden wir nicht nur im Porno sondern auch in der Werbung und in vielen Produkten Hollywoods. So geht der Philosoph Byung-Chul Han – Philosophieprofessor an der Universität der Künste Berlin – in seinem sehr lesenswerten Buch „Agonie des Eros“ so weit, zu sagen, dass die Ästhetik unserer Zeit pornografisch sei und dass der Eros weitgehend verschwunden ist. Alles ist glatt wie ein iPhone, die Menschen streicheln Han zufolge zärtlicher über ihr Handy als dass sie andere Menschen berühren. Gespräche finden nur noch zur Selbstbefriedigung statt und Sex ist mehr egoistischer Konsum als leidenschaftliche Gabe. Wenn aber nicht mehr Hingabe und Erotik Teil der Sexualität sind, landen wir unweigerlich in der Pornografie. Insofern drängt sich die Frage auf: erzeugt der Porno unsere Welt oder erzeugt unsere Welt den Porno? Natürlich ist auch eine Wechselwirkung möglich und wahrscheinlich.

Geschlechterbilder im Porno

Der Mainstream Hetero Porno bedient immer ähnliche Klischees: hier werden keine Geschichten erzählt sondern der Reiz geht quasi ohne Umweg direkt in die Genitalien: wahrscheinlich reagiert praktisch jeder Mensch auf einen solchen Reiz, aber die ausgelösten Gefühle oder Erregungszustände können bisweilen zwiespältig sein, gerade wenn man mit Geschlechterbildern konfrontiert wird, die nicht den eigenen Werten entsprechen. Wollen wir alternative Bilder finden, müssen wir uns regelrecht auf die Suche machen, denn das Netz bietet in erster Linie die üblichen Klischees.

Feministische Kritik

Wie in vielen Fragen sind sich FeministInnen uneins, wie Pornographie zu bewerten sei. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren gab es feministische Ansichten, die sich widersprachen. Zu erwähnen wäre etwa die Auseinandersetzung von den Theoretikerinnen Catharine MacKinnon (die sich insbesondere mit juristischen Fragen beschäftigt) und Judith Butler (die mit ihrem Buch Gender Trouble, zu Deutsch Das Unbehagen der Geschlechter die Debatte über Sex und Gender anheizte). Mac Kinnon behauptet, dass Pornographie die soziale Wirklichkeit der Frau konstruiere, während Judith Butler diese These zurückweist, für sie setzt Pornographie lediglich Phantasmen ins Bild. Die Frage, die sich hier anschliesst ist: verändert Pornographie unser Verhalten und den „realen“ Sex, oder können wir problemlos unterscheiden zwischen Realität und Inszenierung? Wissenschaftliche Untersuchungen, wie etwa eine Dissertation von Corinna Rückert (Frauenpornographie – Pornographie von Frauen für Frauen: eine kulturwissenschaftliche Studie) zeigen, dass das Thema mehr differenziert werden muss: sie weist darauf hin, dass etwa manche lesbischen Pornos viel mehr Gewalt zeigen als in hetero Pornos zu finden sind und dass wir es hier offensichtlich nicht einfach mit einem geschlechtsspezifischen Aspekt zu tun haben.

Die Lager spalten sich politisch in eine PorNO Bewegung, die ausgehend von den USA seit den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum von Alice Schwarzer geprägt wurde. Andererseits gibt es Bewegungen mit einer Sex Positiven Haltung. Diese geht in die Richtung, dass Pornos nicht an sich verkehrt sind sondern ein tolles kreatives Medium sein können und unterschiedliche Herangehensweisen anbieten.

Post Porn: kreative Ideen, die den Porno nutzen

„Beautifull Agonie“ ist ein Beispiel für alternative Darstellungen von Sex: hier entstand die Idee, dass man lediglich die Gesichter von Menschen sieht, die Sex haben. So wird das Repertoire, was alles möglich ist, erweitert und durch die Abweichung von der Norm Mischformen von Pornographie und Kunst erschlossen.

Ulrike Zimmermann schrieb in einem Artikel „Ein Beitrag zur Entmystifizierung der Pornographie“ folgendes: „Die herkömmliche Pornosubkultur muß abgelöst werden durch sexkulturelle Vielfalt. Wie würde sich der Pornofilm verändern, indem man narrative mit pornographischen Elementen vermischt, Geschichten mit mehrschichtigen Charakteren versieht, die nicht auf dem Sofa zur Maschine werden, die in der Sexualität, in ihren Handlungen, als Personen sichtbar bleiben und nicht auf ihre Geschlechtszugehörigkeit reduziert, die Vielfalt der Möglichkeiten sexueller Begegnungen auf verschiedene Stellungen reduzieren.“(…)

Wir müssen uns bewusst sein, dass der Porno letztlich keine kulturelle Hochleistung abbilden möchte sondern in erster Linie ein Stimulus ist, nicht mehr und nicht weniger. Wenn diese Stimulation aber mit etwas mehr Abwechslung und Phantasie umgesetzt wird, haben alle etwas gewonnen: sowohl die Produzierenden wie auch die Konsumierenden.